Mit dem Restaurant „Rosa Lisbert” in der traditonellen Arminius- Markthalle – einem kulinarisch wahrlich nicht verwöhnten Berliner Kiez – haben sich Robert Havemann und Lisa Meyer etwas getraut. Manche mögen dort Neues nicht, andere feiern “Rosa Lisbert” als Beitrag zur kulinarischen Erweckung Moabits . 

TextHannah Schraven, Bild: Alejandra Loreto

Freitagnachmittag, Arminius- Markthalle in Moabit, Berlin: Zwischen Gemüseständen und Imbissbuden schlürft Jung und Alt seinen Kaffee, die Luft ist von einem beständigen Brutzeln, Klirren und Klimpern erfüllt. In einer ruhigeren Ecke der Halle sitzt Robert und trinkt Guavensaft „gegen den Husten“, während seine Lebens- und Geschäftspartnerin Lisa Meyer am Taco-Stand steht und beide Hände in einer überdimensionalen Rührschüssel versenkt. Man merkt gleich: Hier wird selbst Hand angelegt. Doch mit Mexiko haben die beiden eher wenig am Hut. Eineinhalb Jahre ist es jetzt her, dass sie ihr Restaurant „Rosa Lisbert” eröffnet und damit die französische Gourmetküche in die Markthalle geholt haben. Neben original Elsässer Flammkuchen aus dem Holzofen, kann man hier ausgewählte Spezialitäten wie Coq au vin oder Baeckeoffe verköstigen oder dem Gaumen mit erlesenen Weinen aus Deutschland und Frankreich schmeicheln.

Das kommt nicht von ungefähr: Das Berliner Kind Robert ist in Wissembourg im Elsass aufgewachsen, jenem Städtchen, das als Geburtsort der flambierten Teigspeise gilt. „Meine ganze Kindheit glich einer kulinarischen Erweckung“, erklärt Robert. „Meine Mutter war eine sehr gute Köchin und Zuhause hat sich eigentlich immer alles ums Essen gedreht.“ Ein Erlebnis hat ihn besonders geprägt: „Mit drei Jahren war ich das erste Mal in einem Drei-Sterne-Restaurant essen. Das hat sich ins Hirn gebrannt.“

Kochen, das ist für mich Wissenschaft und Leidenschaft zugleich 

Es wundert also nicht, dass Robert seine Karriere als Unternehmensberater nach dem VWL Studium zugunsten seiner Leidenschaft an den Nagel hing und sich für eine Ausbildung als Koch entschied. „Ich habe gemerkt, dass ich mir meine eigene Welt bauen muss, in der meine vielfältigen Interessen Platz finden. Kochen, das ist für mich Wissenschaft und Leidenschaft zugleich.“ Der Wissenschaftler in ihm lässt sich in der Speisekarte des „Rosa Lisbert” erkennen: Hier kommen nicht nur Klassiker, sondern auch unkonventionelle Kreationen wie Flammkuchen mit Aal und Stopfleber oder Knochenmark und Flusskrebs auf den Tisch. „Wenn ich ein Menü entwerfe, denke ich in Geschmack und nicht in Zutaten“, so Robert. An der Elsässer Küche schätzt er besonders, dass sie fein und deftig zugleich ist. Robert berlinert: „Subtil, und trotzdem auf die Fresse.”

Doch wie kam es zum „Rosa Lisbert”?

„Lisa und ich haben uns auf der Kochschule getroffen. Sie hat im Sternerestaurant gelernt und ich im 5 Sterne Hotel. Die Idee hatten wir schon länger. Irgendwann war die Zeit reif und wir haben beschlossen, unser eigenes Restaurant zu eröffnen.“ Die Gründung sei klassisch verlaufen. „Lisa und ich waren eines Morgens in der Markthalle und haben festgestellt: Eigentlich ist es echt schön hier.” Sie haben dann auch relativ schnell einen Platz bekommen. Leicht war es am Anfang nicht, doch die beiden haben sich durchgebissen. „Die beiden größten Stressfaktoren, wenn man ein eigenes Restaurant aufmacht, sind das Finanzamt und die Mitarbeiter. Das Zwischenmenschliche muss funktionieren. Das ist ein Faktor, den man nie ganz berechnen kann.“

 „Das Zwischenmenschliche ist ein Faktor, den man nie ganz berechnen kann”

Das Zweigespann an der Spitze allerdings konnte sich gegenseitig auffangen und antreiben, auch wenn es gerade mal nicht so gut lief. Und so sind Lisa und Robert nach noch nicht einmal zwei Jahren Betreiber eines Restaurants, dass nicht nur stadtbekannt, sondern auch preisgekrönt ist: 2016 wurde den beiden der Berliner Meisterkoch verliehen. Und noch mehr der Ehre: Das „Rosa Lisbert” wurde als erstes deutsches Restaurant in die Liste der Confrérie du Véritable Flammekueche d’Alsace aufgenommen. Die ehrwürdige Bruderschaft der Elsässer Flammkuchenbäcker zeichnet nur „echte“ Meister des Flammkuchens aus.

Warum Berlin, warum Moabit?  

Da sind natürlich Robert Havemanns tiefe Wurzeln in der Stadt. Er teilt den Namen mit seinem berühmten Großvater, dem Chemiker, der Widerstandskämpfer gegen die Nazis und erster DDR-Regimekritiker war. Von der offenen Gastroszene des neuen Berlins fühlten sich Lisa und Robert angezogen. Inzwischen sind sie hier Zuhause. „Die kulinarische Szene Berlins ist extrem lebendig, da geht richtig was. Durch die vielen internationalen Einflüsse wird man überall von Neuem überrascht und ständig inspiriert.“

Und warum ausgerechnet Moabit als Standort? Robert kennt den Kiez, hier wohnt er seit acht Jahren: „Es ist der letzte Stadtteil, in dem damals der Bezirksschutz aufgehoben wurde, deshalb waren die Mieten lange Zeit noch vergleichsweise günstig. Vor allem aber ist Moabit ein ehemaliger Arbeiterbezirk. Die Gentrifizierung kam nicht von außen, die Moabiter haben sie selbst vorangetrieben. Das fühlt sich anders an.“ Die kulturelle Vielfalt ihres Kiezes schätzen Lisa und Robert sehr: „Eigentlich sind wir sehr zufrieden mit unserem Publikum. Es könnte allerdings noch etwas internationaler sein.“

Hat die Stadt sie verändert? Da muss Robert lachen und bejaht prompt: „Wir sind hier explodiert”.

„Wir sind hier explodiert”

Und was bringt die Zukunft?

Können sich Lisa und Robert vorstellen, irgendwann einmal nicht mehr in der Gastronomie tätig zu sein? Da muss Robert kurz nachdenken. Er glaubt das erstmal nicht. „Wir haben noch viel zu viele Ideen im Kopf, die umgesetzt sein wollen. Aber mein Alterswohnsitz wird definitiv ein Weingut sein“, sagt er und lacht. „Damit ist Lisa auch einverstanden.“ Ein letzter Schluck Guavensaft, gegen den Husten, dann geht es zurück an die Arbeit. Stillstand herrscht hier nie.

 

Den Text für das Buch „Gastro.Startup.Berlin“  hat Hannah Schraven im Frühjahr 2017 geschrieben.

 

 

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